1903: Berliner Satireblatt „Lustige Blätter“ über die Vorgänge in Makedonien

Den Vorgängen in Makedonien widmet das Satireblatt „Lustige Blätter“ den Titel einer Novembernummer im Jahre 1903. Mit Anspielung auf einen in Berlin laufenden Prozess gegen einen deutschen Hauslehrer mit dem Namen Dippold, der einen seiner Zöglinge zu Tode prügelte, kritisiert der Zeichner Franz Albert Jüttner das gewalttätige Vorgehen der Türken gegen die makedonische Freiheitsbewegung. Die Repräsentanten Russlands und Österreich-Ungarns, Zar Nikolaus II. und Kaiser Franz Joseph I., hier als die Verwandtschaft dargestellt, vereinbarten am 3. Oktober 1903 ein gemeinsames Vorgehen in der Makedonien-Politik (Mürzsteger Programm).

„Lustige Blätter“, Berlin XVIII. Jahrgang No. 45, 04.11.1903

Unter der Zeichnung steht folgender Text:

„Dippold am Balkan. Die zärtlichen Verwandten: Sie meinen also wirklich, daß Ihre „Reform“-Erziehungsmethode zum Ziele führt? Der gut empfohlene Hauslehrer: Ja, meine Herren, wenn ich ihm die geheimen Sünden abgewöhnen soll, muß ich mir jede Einmischung, die meine Autorität untergräbt, verbitten!“

Makedonien (Macedonien) hier als der Schüler, die Türkei als der Hauslehrer dargestellt
Repräsentanten Österreich-Ungarns und Russlands: Kaiser Franz Joseph I. und Zar Nikolaus II., hier als die Verwandtschaft dargestellt
Satireblatt „Lustige Blätter“ mit Sitz in Berlin SW, Charlottenstr.9, (heute Bezirk Mitte)

„Die Lustigen Blätter sind im Gebiet der modernen Karikatur für Berlin ein halbwegs fortschrittliches Blatt,“ schreibt Georg Hermann 1901 in seinem Buch Die deutsche Karikatur im 19. Jahrhundert und hebt besonders die politischen Zeichnungen Franz Albert Jüttners‘ hervor.

Die Lustigen Blätter erschienen wöchentlich und behandelten zeit- und kulturgeschichtliche sowie gesellschaftliche Themen. Zudem enthielten sie Witze, Gedichte und Bildergeschichten. Es wurden thematische Ausgaben zu Themen wie Karneval, Sport und Kino wie auch Sondernummern zum Burenkrieg, der Reichstagswahl, zur Lage in China und anderen zeitpolitischen oder kulturellen Ereignissen herausgegeben.

Gegründet wurde die Satirezeitschrift vom Schriftsteller Alexander Moszkowski (1851-1934), der von 1877-1886 für die Satirezeitschrift Berliner Wespen tätig war. Nach einem Streit mit dem dortigen Herausgeber, Julius Stettenheim, gründete er 1886 mit Otto Eysler – zunächst in Hamburg – die Lustigen Blätter. Nach dem Umzug nach Berlin, der nur drei Monate nach der Gründung der Zeitschrift erfolgte, übernahm Moszkowski zunächst gemeinsam mit Paul von Schönthan als „Hauptschriftleiter“ bzw. Chefredakteur das Ruder. Bis ins hohe Alter leitete Moszkowski die Zeitschrift, bis er 1928 im Alter von 77 Jahren in den Ruhestand ging. Er bewirkte ab den 1890er Jahren eine inhaltliche wie stilistische Neuorientierung. Hervorzuheben sind die kolorierten, ganzseitigen Karikaturen auf der jeweils ersten und letzten Seite, die zuerst im Iris- dann im vierfarbigen Buntdruckverfahren ausgeführt wurden und v.a. auf den Titelseiten eine gute Werbewirkung entfalteten.

Von 1887 bis 1891 erschienen die Lustigen Blätter als Gratisbeilage des Börsen-Couriers in einer Auflage von 20.000 Exemplaren, dann als eigenständige Zeitschrift. Vor allem während der Weimarer Republik hatte das zwölf bis sechzehn Seiten starke Blatt mit bis zu 60.000 Exemplaren eine große Leserschaft und veranstaltete alljährlich im Winter den beliebten Berliner Lustige-Blätter-Ball. Vertraten die Lustigen Blätter anfangs noch eine fortschrittlich-liberale Gesinnung, näherten sie sich im Laufe der Jahre einer nationalliberalen Ausrichtung an. Im Jahr 1944 wurden die Lustigen Blätter eingestellt.

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