Ohrid – Pilgern zwischen Kirchen und Cafés

Im Südwesten Mazedoniens liegt der glasklare Ohridsee mit dem geschichtsträchtigen Städtchen Ohrid. 365 Kirchen soll es rund um die Stadt geben, eine für jeden Tag des Jahres. Doch auch an Cafés und Diskotheken mangelt es in Mazedoniens Urlaubsort Nummer eins nicht.

„Hier gibt’s noch eine Menge aus der Erde auszugraben“, lacht die junge Frau. Mit Hut und Sonnenbrille als Hitzeschutz steht die Archäologin in einem der ausgebuddelten Erdgräben. Das Areal rund um die Kirche des Heiligen Kliment ist mit bunten Plastikbändern abgesteckt: Da wird ein alter Wasserspeicher ans Tageslicht befördert, dort ein menschliches Skelett fein säuberlich abgeputzt. Derzeit lege man Reste aus der osmanischen Zeit frei, erklärt die Archäologin. Aber auch unter dieser Erdschicht liege noch einiges verborgen.

Im Mittelalter war die Stadt Ohrid in Mazedonien ein wichtiges religiöses Zentrum der christlich-orthodoxen Kirche. Hier waren im 9. Jahrhundert Kliment und Naum tätig – orthodoxe Mönche und Schüler der aus dem byzantinischen Thessaloniki stammenden Mönche Kyrill und Method. Letztere gelten in orthodoxen Ländern heute als „Slawenapostel“, weil sie im Südosten Europas als erste für die Orthodoxie missionierten. Außerdem entwickelten sie das glagolische Alphabet, einen Vorläufer der heutigen kyrillischen Schriftzeichen. So erhielten die orthodoxen Slawen eine gemeinsame Schrift, die in der Kirchenliturgie das Altkirchenslawische vor dem Griechischen festigte.

Wo heute die Archäologen graben, ließ Mönch Kliment vor elf Jahrhunderten ein Kloster errichten, in dem er über 3.500 Schüler ausgebildet haben soll. Seine Kirche wurde erst 2002 auf den alten Fundamenten wiederaufgebaut, in ihrem Inneren befindet sich Kliments Grab.

Heiliger Kliment von Ohrid, Schutzpatron der Stadt Ohrid

Man muss nicht unbedingt ein Kirchen-Fan sein, um Ohrid zu mögen

365 orthodoxe Kirchen soll es in der Gegend um Ohrid geben – eine für jeden Tag des Jahres. Ein Prunkstück ist die Kirche des Heiligen Johannes, malerisch auf einem Felsvorsprung gelegen, der in den Ohrid-See hineinragt. Sehenswert ist auch die Kirche der Heiligen Sofia in der hügeligen Altstadt, in der eindrucksvolle Fresken aus dem 11. Jahrhundert erhalten sind. 20 Kilometer von Ohrid entfernt, unmittelbar vor der albanischen Grenze, befindet sich das Kloster, in dem der Mönch Naum gewirkt hat.

Man muss nicht unbedingt ein Kirchen-Fan sein, um Ohrid zu mögen. Ohrid ist schlicht und einfach Mazedoniens Urlaubsort Nummer eins – und der glasklare See mit seinen Stränden der Adria-Ersatz für die Mazedonier. Viele Bewohner aus der Hauptstadt Skopje kommen fürs Wochenende hierher. Aber auch bulgarische, griechische und albanische Besucher nutzen im Sommer das nahe Reiseziel. In Ohrids Fußgängerzone pulsiert bis spätnachts das Leben. Dann pilgern die Jugendlichen von den Cafés in die Diskotheken. Und Frömmigkeit wird zu einer vergessenen Tugend, die man untertags in den Klöstern bewiesen hat.

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Kirche Sveti Jovan Kaneo am Ohrid-See,1962

Die Wellen schwappen schläfrig ans Ufer, der See glitzert, kleine Boote tuckern vorbei

Der Morgen, wenn Ohrid schläft und der See einsam glitzert, ist die beste Zeit für eine Bootsfahrt. Bootsmänner bieten Touren über das blitzblaue Gewässer an – übrigens einer der ältesten Seen der Welt. Danach legt man im kleinen Fischerhafen von Kaneo an. Seit Generationen leben hier Fischerfamilien, die den Fang in kleinen Restaurants frisch zubereiten. Die berühmte Ohrid-Forelle könne sie leider nicht anbieten, bedauert Gabi, die einen der kleinen Familienbetriebe führt. Denn diese stehe mittlerweile unter Artenschutz. Dafür gibt es Karpfen. Frischer Salat, selbst gemachter Schafskäse und Traubenschnaps, Rakia genannt, machen aus dem einfachen Mahl eine kulinarische Köstlichkeit. Die Wellen schwappen schläfrig ans Ufer, der See glitzert, kleine Boote tuckern vorbei. Ohrid bedeutet Entspannen.

Das nur zwei Millionen Einwohner zählende Mazedonien ist seit 1991 eine unabhängige Republik. Nach den schwierigen Anfangsjahren will man sich nun verstärkt um die Entwicklung des Tourismus kümmern. Allerdings sind dabei noch einige Hürden zu bewältigen: Zufahrtsstraßen sind in schlechtem Zustand, Hinweistafeln für touristische Ziele fehlen, viele Hotels stammen noch aus der sozialistischen Ära. Mit ausländischen Kulturtouristen und Aktivurlaubern könnten jedoch wichtige Devisen ins Land kommen.

Die Region Ohrid ist jedenfalls ein idealer Ausgangspunkt für weitere Entdeckungstouren: etwa an den nahen, auf 850 Meter Höhe gelegenen Prespa-See. Über den Livada Pass im Galitschiza Nationalpark, einen karstigen Gebirgskamm, gelangt man an diesen naturbelassenen See. Der nahe gelegene Pelister-Nationalpark lädt zu ausgedehnten Wanderungen ein.

Im Dorfladen gibt es noch immer Geldscheine der Republik Vevtschani

Oder man macht einen Abstecher ins Dorf Vevtschani, das für seinen alljährlichen Karneval im Januar bekannt ist. Vevtschani schaffte es 1987 in die Schlagzeilen zu kommen, als seine Bewohner gegen die Entscheidung der jugoslawischen Zentralregierung Sturm liefen, die Dorfquelle umzuleiten. Die „Wasserrevolte“ dauerte mehrere Wochen, die Regierung musste schließlich nachgeben.

Zu Beginn der neunziger Jahre erklärte das Dorf seine Unabhängigkeit und rief die „Republik Vevtschani“ aus. Karnevalsscherz oder sturer Lokalpatriotismus – im zerfallenden Jugoslawien wollten sich die Dorfbewohner einmal mehr nur auf sich selbst verlassen. Heute noch kann man im Dorfladen Geldscheine der Republik Vevtschani erstehen – für stolze zwei Euro gibt es eine Zweier-Note der Ortswährung „Litschnik“. Was man damit kaufen könne? „Nichts“, sagt die Verkäuferin und fügt nicht ohne Stolz hinzu: „Aber es ist ganz echtes Geld. Richtig gedruckt.“ Mit dem Kauf des Souvenirs unterstützt man die Gemeinde. Mit ihren bauernschlauen Marketingstrategien sind die Dorfbewohner der Regierung in Skopje also einen Schritt voraus.

Text/Autorin: Jutta Sommerbauer

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin zur Wiederveröffentlichung

Zur Autorin: Jutta Sommerbauer, geboren 1977 in Wien, Studium der Politikwissenschaft Wien und Huddersfield (GB).

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