65 Jahre Poesie am Schwarzen Drin: Die Struga-Poesieabende und das historische Erbe Makedoniens

An den Ufern des Ohridsees, wo der Fluss Schwarzer Drin seine Reise beginnt, schlägt seit Jahrzehnten das Herz der weltweiten Lyrik. Die Struga-Poesieabende in Makedonien feiern im Jahr 2026 ihr glanzvolles 65. Jubiläum. Sie gehören zu den ältesten und bedeutendsten Literaturfestivals der Erde und sind das lebendige Symbol einer tief verwurzelten Identität. Das diesjährige Festival fällt mit einem weiteren Meilenstein der makedonischen Kulturgeschichte zusammen: Dem 165. Jubiläum der legendären Liedersammlung der Miladinov-Brüder.

Ein Festival mit Weltruhm: Die Struga-Poesieabende

Die 1961 gegründete, weltweit größte Poesieveranstaltung „Struški večeri na poezijata“ hat sich von einer lokalen Initiative zu einem globalen Fixpunkt für Literaten entwickelt. Jedes Jahr im Sommer verwandelt sich die Stadt Struga in ein kosmopolitisches Zentrum, das jährlich rund 200 internationale Dichter, Übersetzer und Literaturbegeisterte anzieht.

Die renommierten Auszeichnungen

Das Festival genießt in der literarischen Welt ein außergewöhnliches Prestige, was sich insbesondere in seinen zwei Hauptauszeichnungen widerspiegelt:

  • Der Goldene Kranz (Zlaten Venec): Diese weltweit hochangesehene Auszeichnung wird für das lyrische Lebenswerk eines herausragenden internationalen Dichters vergeben. Die Liste der Preisträger liest sich wie ein Who’s Who der Weltliteratur, darunter Nobelpreisträger und Legenden wie Pablo Neruda, Mahmoud Darwish, Allen Ginsberg und W. H. Auden. Für das Jahr 2025 wurde der slowakische Dichter Ivan Štrpka mit diesem Preis geehrt.
  • Die Brücken von Struga (Mostovi na Struga): Dieser Preis wird in enger Kooperation mit der UNESCO vergeben. Er richtet sich an die jüngere Generation und zeichnet das beste internationale Debütalbum eines Jungdichters aus.

Einzigartige Traditionen des Festivals

Was die Struga-Poesieabende so besonders macht, ist ihre tiefe Verankerung in Ritualen und der Stadtlandschaft:

  • Die Lesung „Brücken“: Den emotionalen Höhepunkt und feierlichen Abschluss des Festivals bildet die Großlesung direkt auf der Brücke über den Ländern des Schwarzen Drin. Vor tausenden Zuschauern tragen die eingeladenen internationalen Gäste ihre Gedichte in ihrer jeweiligen Muttersprache vor, während die Übersetzungen auf makedonisch rezitiert werden.
  • Der Poesiepark: Jeder Gewinner des Goldenen Kranzes pflanzt traditionell einen Baum im Poesiepark von Struga. So entsteht ein lebendiges, grünes Monument der Völkerverständigung.
  • Die Eröffnung: Jedes Festival wird traditionell mit dem Verlesen des Gedichts T’ga za jug (Sehnsucht nach dem Süden) eingeleitet – dem emotionalen Urtext der modernen makedonischen Literatur.

Die deutsche Spur in Struga

Auch die deutsche Literaturszene hat eine historische und tiefe Verbindung zu den Poesieabenden in Makedonien.

Der wohl bedeutendste deutsche Beitrag zur Festivalgeschichte fand 1980 statt. In diesem Jahr wurde der weltbekannte Schriftsteller, Lyriker und Denker Hans Magnus Enzensberger mit dem begehrten Goldenen Kranz für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Ein besonders faszinierendes Kapitel schrieb der deutsche Dichter und Übersetzer Matthias Bronisch. In den 1970er-Jahren war er als Germanistik-Lektor an der Universität Skopje tätig. Im Sommer 1974 reiste er nach Struga. Da in jenem Jahr kein anderer offizieller Vertreter aus der Bundesrepublik Deutschland anwesend war, repräsentierte Bronisch kurzerhand sein Heimatland bei den internationalen Lesungen im Hotel Biser.

Dieses Festivaldebüt legte den Grundstein für eine lebenslange Verbindung:

  • Literarisches Debüt: 1976 veröffentlichte der Verlag Macedonian Revue in Skopje Bronischs Erzählungen Mit anderen Augen (inklusive der bekannten Kurzgeschichte Der Gummibaum), versehen mit einem Nachwort von Eva Strittmatter.
  • Kulturelle Vermittlung: Bronisch wurde zu einem der wichtigsten Übersetzer makedonischer Literatur im deutschsprachigen Raum. Er brachte dem deutschen Publikum bahnbrechende Anthologien wie Moderne makedonische Lyrik (1979) näher und übersetzte Werke des makedonischen Nationaldichters Blaže Koneski.

Wo die Poesie lebt

Wenn im Juni 2026 die 65. Struga-Poesieabende unter dem passenden Motto „Wo die Poesie lebt“ (Kade što živee poezijata) stattfinden, schließt sich der Kreis. Das Festival feiert nicht nur die Gegenwart der Weltliteratur auf den Brücken des Schwarzen Drin, sondern ehrt gleichzeitig das Erbe der Brüder Miladinov. In Makedonien ist Poesie kein Luxusgut – sie ist der Fluss, der die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer stolzen Kultur miteinander verbindet.

165 Jahre „Liedersammlung der Miladinov-Brüder“ – Das Fundament der Identität

Um zu verstehen, warum Poesie in Makedonien einen so heiligen Stellenwert einnimmt, muss man ins Jahr 1861 zurückblicken. Am 24. Juni 1861 wurde in Zagreb die Liedersammlung (Zbornik) der Brüder Dimitar und Konstantin Miladinov veröffentlicht. Aus makedonischer Sicht ist dieses 165-jährige Jubiläum im Jahr 2026 weit mehr als ein historisches Datum – es ist die Feier des literarischen Geburtszertifikats einer ganzen Nation.

Das Manifest des makedonischen Volksgeistes

Die Brüder Miladinov reisten im 19. Jahrhundert durch alle Regionen Makedoniens – von ihrer Heimatstadt Struga über Ohrid, Prilep und Bitola bis nach Kostur (Kastoria) und Kukush (Kilkis). Sie sammelten hunderte von epischen Heldenliedern, Liebeslyrik, Hochzeitsbräuchen und Sprichwörtern direkt aus dem Mund der Bevölkerung. Unter der jahrhundertelangen osmanischen Herrschaft rettete die Liedersammlung das kollektive Gedächtnis und den authentischen Geist des makedonischen Volkes vor dem Vergessen.

Kultureller Widerstand und die wissenschaftliche Einordnung

Aus der historischen Perspektive Makedoniens erfüllte das Werk zwei Überlebensfunktionen:

Schutz vor Assimilation: Die südslawischsprachige Bevölkerung stand damals unter enormem Druck der Hellenisierung durch die griechisch-orthodoxe Kirche. Die Miladinovci zeichneten die Lieder auf und druckten sie – dank der Unterstützung des kroatischen Bischofs Strossmayer – in kyrillischer Schrift. Ein revolutionärer Akt der kulturellen Emanzipation.

Die Wiege der Standardsprache: Die Lieder in der Sammlung basieren auf den westmakedonischen Dialekten. Zusammen mit Konstantin Miladinovs eigenen Gedichten (wie T’ga za jug) schuf das Werk das linguistische Fundament, auf dem spätere Reformer die moderne makedonische Literatursprache errichteten.

Das Martyrium der Brüder

Der Mythos des Werks ist untrennbar mit dem tragischen Schicksal seiner Schöpfer verbunden. Kurz nach der Veröffentlichung wurden die Brüder vom osmanischen Regime als gefährliche Aufwiegler verhaftet. Anfang 1862 starben beide unter ungeklärten Umständen in einem Gefängnis in Istanbul. Ihr Opfertod macht sie im makedonischen Nationalbewusstsein zu unsterblichen Märtyrern für das Recht auf freie, kulturelle Selbstbestimmung.

Die Position der makedonischen Literaturwissenschaft hinsichtlich der Namensgebung der Volksliedersammlung der Gebrüder Miladinov

Die makedonische Geschichtswissenschaft betrachtet die Sammlung der Miladinov-Brüder als eine der wichtigsten Säulen der makedonischen kulturellen Wiedergeburt im 19. Jahrhundert und als zentralen Beweis für die makedonische sprachliche und ethnische Identität. Obwohl das Werk ursprünglich 1861 in Zagreb unter dem Titel „Bulgarische Volkslieder“ gedruckt wurde, gilt es als Schlüsselwerk.

Die makedonischen Historiker, Linguisten und Folkloristen begründen diese Sichtweise durch mehrere wissenschaftlich ausgearbeitete Kernpunkte:

Inhaltliche und geografische Argumentation

Von den insgesamt 660 in der Sammlung veröffentlichten Liedern sind genau 584 makedonische Volkslieder (gesammelt in Struga, Ohrid, Prilep, Kukuš, Bitola, Veles). Nur 76 Lieder sind bulgarisch, die Konstantin von dem bulgarischen Wiedergeburtsaufklärer Wassil Tscholakow zugesandt wurden. Der eigentliche Kern und unschätzbare Wert des Werkes beruhten somit zweifelsfrei auf dem reichhaltigen makedonischen Kulturgut.

Die Lieder wurden in den ursprünglichen makedonischen Dialekten aufgezeichnet (vor allem im Struga- und Prilep-Dialekt). Damit ist die Sammlung ein direktes Zeugnis für die eigenständige Entwicklung der makedonischen Sprache in dieser Epoche.

Soziopolitischer Kontext der Terminologie

Das osmanische Millet-System: Im 19. Jahrhundert teilte das Osmanische Reich die Bevölkerung nach religiöser (kirchlicher) Zugehörigkeit und nicht nach Volkszugehörigkeit bzw. nach moderner Nationalität ein. Der Begriff „Bulgare“ wurde in der Region Makedonien oft als Synonym für die slawischsprachige orthodoxe Bevölkerung verwendet, die gegen die griechische geistige und kulturelle Vorherrschaft (den Patriarchalismus) kämpfte.

Gemeinsame antifanariotische Front: Die Brüder Miladinov arbeiteten mit bulgarischen Kulturschaffenden zusammen, da sie einen gemeinsamen Gegner hatten – das griechische Patriarchat von Konstantinopel (Istanbul). Zu dieser Zeit hatten die südslawischsprachigen Völker auf dem Balkan ihr Nationalbewusstsein noch nicht vollständig ausdifferenziert.

Die Rolle des Bischofs Josip Juraj Strossmayer und der Druck für einen slawischsprachigen Titel

Die ursprüngliche Absicht von Konstantin Miladinov war es, das Buch unter dem Titel „Makedonische Volkslieder“ herauszugeben. Der kroatische Mäzen und Bischof Josip Juraj Strossmayer, der den Druck vollständig finanzierte, bestand jedoch aufgrund seiner panslawischen Ideale auf einem breiteren Titel.  Strossmayer glaubte, dass das Buch so mehr internationale Unterstützung im Kampf gegen die Hellenisierung der südslawischsprachigen Bevölkerung des Balkans erhalten würde.

Kulturelle und nationale Bedeutung

Die Sammlung nimmt den zentralen Platz bei der Bewahrung und Präsentation des makedonischen mündlichen Volksschaffens ein und gilt so als das Fundament der makedonischen Literatur.

Die Texte und das Vorwort der Sammlung dienten späteren Generationen makedonischer Intellektueller als Inspiration und sprachliche Grundlage, um die makedonische nationale Eigenständigkeit klar zu definieren. Sie gilt als Basis für die Kodifizierung bzw. Standardisierung der makedonischen Sprache.

Die Fortführer der ethnografischen und folkloristischen Tradition

Das Werk der Miladinov- Brüder etablierte die methodische Grundlage und lieferte den sprachlichen Rohstoff, auf dem alle nachfolgenden Generationen von makedonischen Intellektuellen aufbauten, um die kulturelle und sprachliche Eigenständigkeit Makedoniens zu untermauern.

Nach dem Märtyrertod der Miladinov- Brüder in einem Istanbuler Gefängnis wurde die Sammlung zum heiligen Auftrag für nachfolgende makedonische Sammler, das unschätzbare geistige Erbe des makedonischen Volkes vor der Assimilation durch die Nachbarstaaten zu schützen:

  • Kuzman Schapkarev (1834-1909):
    Als Verwandter der Miladinovs setzte er deren Arbeit direkt fort. Seine ab 1891 veröffentlichten Bände sind aus Sicht der makedonischen Wissenschaft eine monumentale Erweiterung des „Zbornik“. Er sammelte über 1.300 makedonische Lieder, Märchen und Bräuche (vor allem aus Ohrid und Struga). Obwohl er unter den damaligen politisch-zensierten Bedingungen publizieren musste, dokumentierte er die Authentizität des makedonischen Volksgeistes.
  • Marko Cepenkov (1829-1920):
    Cepenkov (Tsepenkov) gilt in Makedonien als der absolute Riese des makedonischen Volksschaffens. Er wurde durch eine persönliche Begegnung mit Dimitar Miladinov im Jahr 1857 dazu inspiriert, sein Leben der Philologie zu widmen. Seine monumentale Sammlung von Volksmärchen, Sagen und Sprichwörtern (heute in Makedonien in einer 10-bändigen Gesamtausgabe ediert) wird als direkte qualitative und quantitative Weiterführung des „Zbornik“ gewertet. Cepenkov hielt die tiefste psychologische und sprachliche Identität des makedonischen Menschen in der Epoche des Osmanischen Reiches fest.
  • Gjorgji Pulevski (1817-1893):
    Pulevski zog die radikalen politischen Konsequenzen aus der Arbeit der Miladinov-Gebrüder. Während der „Zbornik“ die Existenz des makedonischen Kulturguts bewies, artikulierte Pulevski in seinen Liederbüchern erstmals offen und kompromisslos das Recht des makedonischen Volkes auf eine eigene, von den Nachbarn unabhängige Identität, Sprache und Staatlichkeit.

Die wissenschaftliche und linguistische Kodifizierung

Die makedonische Sprachwissenschaft zieht eine direkte Linie vom „Zbornik“ zur Entstehung der modernen makedonischen Standardsprache:

  • Krste Petkov Misirkov  (1874-1926):
    Misirkovs Werk „За македонцките работи“ (Über die makedonischen Angelegenheiten) aus dem Jahr 1903 gilt als die „Bibel“ des neuerwachten makedonischen Nationalbewusstseins. Er knüpft theoretisch direkt dort an, wo die Miladinov-Brüder praktisch aufgehört hatten. Die Brüder bewiesen durch die Lieder im „Zbornik“, dass die zentral- und westmakedonischen Dialekte (Prilep, Struga, Ohrid, Bitola) eine organische und lebendige Einheit bilden. Misirkov nahm genau diese Dialektbasis, um 1903 die phonetischen und grammatikalischen Regeln für die moderne makedonische Schriftsprache zu formulieren.

Das literarische Erbe im modernen makedonischen Staat

Mit der Errichtung des makedonischen Staates im Rahmen der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien im Jahr 1944 wurde der „Zbornik“ endgültig zum offiziellen Gründungsfundament der nationalen Kultur erhoben:

  • Kočo Racin (1908-1943) und Kole Nedelkovski (1912-1941):
    Die Begründer der zeitgenössischen makedonischen Poesie nutzten den „Zbornik“ als ästhetische Lehrquelle. Racins revolutionäre Gedichtsammlung „Beli mugri“ (Weiße Dämmerungen, 1939) basiert in Rhythmus, Metrik und Sprachmelodie direkt auf den im „Zbornik“ überlieferten Volksliedern. Nedelkovski gestaltete auch so seinen ersten Gedichtband ‚Molskavici‘ (1940) ganz unter dem Einfluss dieser Sammlung.
  • Blaže Koneski (1921-1993):
    Der Vater der modernen makedonischen Philologie und staatlicher Erstkodifikator der Sprache bezog sich in seinen historischen Grammatiken unermüdlich auf den „Zbornik“. Für Koneski war das Werk der unumstößliche Beweis für die historische Kontinuität der makedonischen Sprache im 19. Jahrhundert, lange vor ihrer offiziellen staatlichen Standardisierung.

Institutionelles Erbe heute

Heute wird dieses Erbe der Brüder Miladinov in der Republik Makedonien auf staatlicher Ebene intensiv gepflegt und wissenschaftlich fortgeführt. Die direkte institutionelle Fortsetzung des „Zbornik“ bildet dabei das Institut für Folklore „Marko Cepenkov“ der Universität „Hl. Kyrill und Method“ in Skopje, das gemeinsam mit dem Institut für makedonische Sprache „Krste Misirkov“ seine Forschungsprogramme der systematischen Archivierung, Analyse und Weiterführung jenes Korpus widmet, das 1861 in Zagreb erstmals der Weltöffentlichkeit präsentiert wurde. In dieser tief verwurzelten methodischen Tradition gibt das Folklore-Institut fortlaufend wissenschaftliche Editionen, Archivbände und Fachzeitschriften wie „Macedonian Folklore“ heraus. Darüber hinaus reicht die lebendige Pflege dieses Erbes bis in die Gegenwartskultur: Die weltberühmten „Struga-Poesieabende“ basieren direkt auf der Ehrung von Konstantin Miladinov und seinem im „Zbornik“ veröffentlichten Meistergedicht „T’ga za jug“ (Sehnsucht nach dem Süden).